top of page

Über Zeit und Langsamkeit

  • sakonarski
  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

“Der Reichtum des Reisenden, so habe ich gelernt, heißt Zeit, und seine Tugend ist die Langsamkeit. Warum aber tun wir uns gerade heute damit so schwer? Weil, so höre ich es tönen, unsere Zeit einfach schneller geworden ist. Aber ist es dann nicht gerade an uns, sie wieder langsamer zu machen? Die Möglichkeiten es zu tun, sind nach wie vor da. Sobald für uns der Weg zum Ziel wird, haben wir keine Eile mehr, es zu erreichen.”

- Bernhard Moestl, “Der Traum vom unangepassten Leben” (S. 95) 


Fühlte sich komisch an dort zu sitzen und für eine Weile nicht beschäftigt zu sein oder zumindest so zu wirken. Die Versuchung das Smartphone oder die Wasserflasche zu zücken, um auf irgendeine Art Geschäftigkeit zu simulieren, war groß. Die vorbeiziehenden Menschen könnten sich ja wundern, warum ich Nichts tuend an Ort und Stelle sitze. 

 

Die Unruhe staute sich spürbar in meinen Händen und verlagerte sich ins aufgeregte Wippen meiner Beine – hoch, runter, hoch, runter. Eine Stunde auf dieser Parkbank zu verweilen und wirklich gar nichts zu tun, nahm ich mir vor. Kein Blick aufs Handy, kein Buch, kein Essen, kein Trinken. Nur ruhen. Nach einer Weile des Sitzens stellte sich zu meiner Überraschung die Anspannung ein. Meine Schultern senkten sich ohne mein Zutun ab, meine Arme wurden länger als sonst und hingen an den Seiten runter. Ohne tiefer in sie einzusteigen, kamen und gingen meine Gedanken. Genauso die Menschen vor meinen Augen, deren Blicke mich zunächst am meisten verunsicherten. 


Mit einigen Passanten habe ich völlig nichtssagende Blicke ausgetauscht, mit wenigen ein Lächeln und sehr viele haben sich auf sich selbst konzentriert. Sie waren mit gesenktem Blick ins Handydisplay vertieft oder ins Gespräch am Telefon. Andere spazierten zu zweit oder in Grüppchen, erzählten sich vom Alltag und wateten zum nächsten Biergarten. Wieder andere schoben einen Kinderwagen vor sich her, joggten, steuerten mit dem Fahrrad ihre nächste Destination an, oder gingen mit ihrem Hund spazieren. Schnell war meine Unsicherheit davongeblasen, denn in dem Moment wurde mir klarer als sonst, dass Menschen in ihrem eigenen Film steckten, sehr oft im Schnellschritt. 


Wenn gerade keine Menschen zu sehen waren, beobachtete ich die Eichhörnchen, die ihren Lebensraum durchzechten und Blaumaisen, die nach Körnern pickten. Ich beobachtete den Trubel zwischen den Baumkronen aus Schmetterlingen, Fliegen, Bienen und Maikäfern.  

Aus einer Stunde auf dieser Parkbank wurden mehrere, über Tage und Wochen hinweg. Die Blätter fielen, die Sonne brachte kaleidoskopische Lichter hervor und ich entdeckte eine Aktivität für mich, die Senioren schon vor langer Zeit für sich pachteten. 


Meditation oder Zeitverschwendung? 

Während einer Mittagspause erzählte ich Kolleginnen von meiner neuen Freizeitbeschäftigung, spontan liebevoll “Benching” genannt. Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus.  


“Dafür habe ich keine Zeit”, schoss es fast schon schockiert aus einer Kollegin heraus. 


“Dafür muss man sich schon aktiv Zeit nehmen”, erwiderte ich.  


Eine andere Kollegin reagierte: “Das ist wie eine Form der Meditation.” 

Ich nickte. 


Bei einem Pizzaabend mit Freunden erzählte ich es erneut: “Ich sitze total gerne auf einer Bank und mache nichts.” 


Wie aus der Pistole geschossen erwiderte das befreundete Pärchen: “Du machst nicht nichts!” In einem Tonfall, als sollte ich mir klar werden, dass ich sehr wohl etwas tue, weil ich ja dort “sitze”.  


Als das Treffen schon längt vorüber war, schrie es in mir auf: “Nichts tun ist genau das, was ich will. Ich tue auf dieser Bank nichts.”  


Mit einer Arbeitskollegin sprach ich über das Busfahren. Sie mochte es nicht, weil ihr beim Runterschauen schlecht würde. Ein Buch zu lesen oder die Zeit anderweitig effizient zu nutzen, kam für sie daher nicht in Frage, was sie ärgerte, wenn sie im Bus saß. Sie empfindet es als Zeitverschwendung. 


Ich sehe das anders. Busfahren empfinde ich als eine willkommene Einladung, durch die großen Fenster das Treiben auf den Straßen zu beobachten und auch hier einfach mal nichts tun zu müssen. Aus mehreren Perspektiven hörte ich bereits, dass morgens auf dem Weg ins Büro lieber im Zug gearbeitet wird, als die Zeit im Auto zu verbringen und sie ungenutzt verstreichen zu lassen.  


“Wieso muss man denn schon auf dem Weg zur Arbeit arbeiten?”, fragte ich mich.  


Gehetzt nach Hause 

Um die Zeit effizient zu nutzen, versuchen die meisten, so viel wie möglich darin unterzubringen. Allerdings gilt: Je mehr Aktivitäten und Termine, desto knapper die Zeit für all diese Dinge. Was ist aber, wenn endlich mal keine Termine nach der Arbeit die Freizeit füllen? Lädt der freie Raum dann nicht zur Langsamkeit ein?  


Man fährt trotzdem in Windeseile über die gerade rot gewordene Ampel, um zwei Minuten früher zu Hause einzutreffen und sie Daheim effizient für etwas anderes zu nutzen. 


Autor Bernhard Moestl schreibt weiter:  

“Wahres Reisen ist für mich eine Huldigung an die Langsamkeit. Dabei habe ich anfangs, wie die meisten Reiseanfänger versucht, in möglichst kurzer Zeit so viel wie möglich zu sehen. Bis ich verstanden habe, dass diese Hetze zwecklos ist. Gleichgültig, wie sehr ich mich auch beeilte, würde ich ohnehin niemals alle Orte dieser Welt besuchen können. Wozu also die Hast? Was versprach ich mir davon, so schnell und direkt wie möglich von einem Ort zum nächsten zu kommen?” (S. 95) 


Wenn die Zeit an Bedeutung verliert 

Als ich so auf meiner Bank saß und zunehmend den Moment genoss, ließ sich vor mir ein Falke auf einem tieferliegenden Ast nieder. Ein Falke in einem kleinen Stadtpark? Verwundert schärfte ich meine Augen. Hielten sich diese Vögel nicht mindestens nach der Beute suchend über Feldern auf? Im Schneckentempo pirschte ich mich an den Falken heran und erfreute mich seiner Nähe. 


Wenige Wimpernschläge später spreizte er seine Flügel und hob ab. Ein paar Monate nach meiner ersten Falkensichtung stand ich gegen acht Uhr morgens mit verschlafenen Augen und dampfenden Chai Latte am Fenster. Es war der 31. Dezember. Eine besondere Stille lag in der Luft. Die Nachbarn waren verreist, die Straßen wirkten verlassen. Der Jahreswechsel stand vor der Tür. Nur wenige Meter von mir entfernt landete wieder ein Falke auf einem Ast und beobachtete mit mir die Stille, bis er nach wenigen Augenblicken wieder in der Ferne verschwand.   


Wie viel von dem, mit dem wir unsere Zeit füllen, kriegen wir wirklich bewusst mit? Lohnt sich der unendliche Sprint zum nächsten Ziel oder ist der Moment gekommen, Zeit das sein zu lassen, was es ist – ein menschgemachtes Konstrukt, ein tickender Zeiger, der pünktliche Geschäftsabwicklungen an Ort und Stelle erleichtert. 


Meine Mutter warnt mich immer: “Die Zeit rennt, Sarah.” Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass wir rennen. Die Zeit bleibt immer gleich.  


Kannst Du Dich noch daran erinnern, warum Du vor zwei Tagen, zwei Monaten, zwei Jahren so gerannt bist? Kannst Du Dich ad hoc daran erinnern, was Du vorletztes Wochenende getan hast? Wenn man diese Frage nicht für sich selbst beantworten kann, dann wird es wohl kaum jemand anderes für einen tun können.  


Wenn sich keiner mehr daran erinnert, was vorgestern war, wieso rennen wir dann so?

Kommentare


bottom of page